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16.06.2026 08:57

Irans Fußballer senden Botschaften - im und nach dem Spiel

Fußball-WM

Inglewood (dpa) - Vor der versammelten Weltpresse wollten Irans Kapitän Mehdi Taremi und Torschütze Mohammad Mohebi nicht so schnell wieder verschwinden. Minutenlang beantworteten die beiden Fußball-Nationalspieler nach dem hochpolitischen 2:2 gegen Neuseeland bei der WM Fragen, obwohl ein FIFA-Mitarbeiter schon früh ein Ende der Runde verlangt hatte. Die beiden Profis waren zwar mitunter ausweichend, aber klar wurde auch: Es gab zwei Botschaften, die sie loswerden wollten. 

Dank an Fans - Klage in Richtung FIFA

Die eine: «Zunächst einmal möchte ich unsere Fans in Los Angeles erwähnen. Die Atmosphäre während des Spiels war unglaublich - über die gesamten 90 Minuten hinweg», sagte Stürmer Taremi nach dem unterhaltsamen Unentschieden. Denn trotz der heftigen Buh-Rufe und Pfiffe während der Nationalhymne des Iran: Nach Anpfiff waren die Unterstützer der Mannschaft laut und klar in der Mehrheit. 

Die andere: «Wisst ihr, das ist alles ist ein Desaster für uns.» Was Taremi damit meinte, sind die schwierigen Rahmenbedingungen, unter denen das Team diese Fußball-Weltmeisterschaft spielen muss. Noch am Spieltag musste die Mannschaft zurück nach Mexiko reisen, die Anreise am Vortag war erst kurzfristig möglich geworden - womöglich wegen des geplanten Abkommens zum Ende des Iran-Krieges, das Stunden zuvor publik wurde.

«Ich denke die FIFA muss uns mehr helfen», sagte Taremi und berichtete von einem Kabinen-Besuch von FIFA-Präsident Gianni Infantino. Der habe seine Hilfe versprochen.

Irans Trainer ärgert sich über die Fremdsteuerung

Trainer Amir Ghalenoei berichtete von seinem Frust darüber, nicht wie erhofft am Tag nach dem Spiel eine Regenerationseinheit in Los Angeles abhalten zu können. «Sie haben gesagt, wir müssen sofort gehen», sagte er laut offizieller Übersetzung. «Wir sind sehr verstört darüber. Wir wissen nicht, warum sie uns zurückschicken, ehrlich gesagt. Es wirkt komisch. Es wirkt, als machen andere die Pläne für uns», sagte der Trainer und meinte dann: «Wir sind das am meisten unterdrückte Team der Welt.»

Alles rund um Irans Teilnahme bei dieser WM ist brisant und politisch, auch die knappen Zeitfenster für Medien sind eine Folge dessen. Die Spieler wissen das, ihre Antworten wirken oft vorbereitet. Im Zweifel geht es immer darum, Fußball zu spielen und die Menschen verbinden zu wollen. «Wir spielen für die Iraner in allen Ecken der Welt», sagte Taremi beispielsweise, als er gefragt worden war, ob es innerhalb der Mannschaft Überlegungen gab, wie bei der WM in Katar auf das Singen der Nationalhymne zu verzichten. Gegen Neuseeland sangen alle. 

Ein WM-Spiel voller politischer Symbolik

Politische Botschaften bei großen Turnieren wertet der Weltverband FIFA seit jeher als Ärgernis und geht mal mehr, mal weniger rigoros dagegen vor. In dem riesigen Los-Angeles-Stadion waren die Bekundungen sowohl für als auch gegen den Kurs Teherans aber kaum einzudämmen - auch weil sie teils nicht eindeutig zu werten waren. Schon weit vor dem Anpfiff hatten sich Hunderte Menschen vor der Arena versammelt, zu gewaltsamen Protesten kam es nicht.

Zu sehen waren sowohl die aktuelle iranische Fahne als auch die ältere aus der Zeit vor der Islamischen Revolution. Letztere wird als Symbol der Opposition angesehen, die in der südkalifornischen Diaspora viele Anhängerinnen und Anhänger hat. In der Arena hatte die FIFA sogar per Gerichtbeschluss das Recht, die sogenannte «Löwe-und-Sonne»-Flagge einzukassieren - immer wieder waren Ordner bei entsprechenden Maßnahmen zu sehen.

Neben zahlreichen aktuellen Iran-Fahnen hatte eine Kleingruppe Plakate mit der Aufschrift «Minab168» gezeigt, ehe die Ordner eingriffen. Bei einem US-Angriff in Minab am Persischen Golf waren Ende Februar mindestens 168 Schülerinnen zwischen sieben und zwölf Jahren ums Leben gekommen. Eine andere Gruppe an anderer Stelle zeigte ein Banner mit Verweis auf die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in Teheran zum Jahreswechsel mit Tausenden Opfern.

Lautstarker Jubel bei den Toren

Während des Abspielens der Nationalhymne waren im Stadion lautstarke Pfiffe zu hören - bei den iranischen Toren wurde dagegen lautstark gejubelt. Der Zwiespalt vieler Menschen ist zu erahnen: Die Hymne stünde für das Teheran, das sie nicht wollten, die Mannschaft für die Menschen im Iran, die sich nach Freude sehnten.

Torschütze Ramin Rezaeian wich der Frage nach den Pfiffen während der Hymne aus. Zur Realität gehört auch, dass offene Wortbeiträge und Meinungen von den Spielern kaum zu verlangen waren. Im sprichwörtlichen Pulverfass des Krieges kann trotz der nahenden Rahmenvereinbarung über ein Ende des Konfliktes jeder Satz anders ausgelegt werden, als er gemeint war.

Der zweite Torschütze Mohebi bejubelte etwa seinen Ausgleichstreffer mit den Fingern und Armen so, dass seine Geste als angedeutete Pistolenschüsse in die Luft verstanden werden konnten. Das Bild würde zu Krieg und Waffen passen - aber war es wirklich so gemeint? 

Oder wird eine Übersprungshandlung aus purer Freude der Umstände wegen überinterpretiert und ist es tatsächlich einfach nur eine Geste, wie sie etwa die Basketballer der Los Angeles Lakers oft nach getroffenen Würfen zeigen? Mohebi sagte, sein Jubel sei ihm einfach so in den Sinn gekommen. «Und ich wollte das für alle Fans machen, einfach als Jubel», sagte er, ohne einen besonderen Zusammenhang zu erwähnen.



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