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07.04.2026 16:17



FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Nicht nur Marktverwerfungen mindern die Fonds?Performance, sondern auch Anlegerinnen und Anleger höchstselbst - durch ihr eigenes Handeln. Ali Masarwah, Fondsanalyst und Geschäftsführer des Beratungshauses envestor, hat eine Typologie klassischer Fehler aufgestellt - und kleine Gedankenstützen formuliert, um dagegen anzukämpfen.

7. April 2027. FRANKFURT (envestor). Fehler vernichten Rendite - und zwar nicht zufällig und vereinzelt, sondern systematisch und mit Methode - und das unzählige Male täglich. Das schwache Abschneiden vieler Privatanlegerinnen und -anleger erscheint damit nicht mehr als "Ausreißer", sondern als Folge wiederkehrender Verhaltensmuster.

Die Erforschung von Anlegerfehlern hat es zur akademischen Disziplin geschafft. Die Behavioral?Finance?Forschung hat die klassische Finanztheorie gründlich auf den Kopf gestellt - und gezeigt, dass es an den Märkten nicht nur um Zahlen, Modelle und Rationalität geht, sondern vor allem um Menschen, ihre Emotionen und ihre Denkfehler. Wer verstehen will, warum viele trotz guter Informationen oft schlechte Entscheidungen treffen, muss weniger in Formeln und mehr in Verhaltensmustern denken.

Die Forschung zur Behavioral Finance zeigt seit Jahren, dass wir beim Anlegen systematischen Denk? und Verhaltensmustern folgen - und damit immer wieder dieselben Fehler begehen. Diese Fehler sind kein Zufall, sondern Ausdruck kognitiver Verzerrungen und emotionaler Reflexe, die im Alltag oft hilfreich sind, an den Kapitalmärkten aber systematisch Rendite kosten. Wer diese Muster versteht, kann seine Anlagestrategie robuster machen und teure Fehlentscheidungen vermeiden. Unsere - längst nicht vollständige - Übersicht über klassische Anlegerfehler und kleine Hacks, wie sich diese mitigieren lassen:

Affektgetriebene Fehlentscheidungen treten auf, wenn Angst und Gier die Strategie übersteuern. Typische Muster sind euphorische Käufe im Hoch, ausgelöst durch Schlagzeilen oder Social Media, sowie panische Verkäufe im Crash. Dahinter stehen Biases wie Verlustaversion, FOMO, Herdentrieb und Regret Aversion. Abhilfe schaffen klare Regeln (z.?B. Rebalancing?Bandbreiten, feste Entscheidungsfenster) und ein schriftlicher Anlageplan, der in ruhigen Zeiten festgelegt wird.

Wahrnehmungs? und Interpretationsfehler entstehen, wenn Anlegerinnen und Anleger Informationen verzerrt verarbeiten. Dazu gehören Overconfidence, Confirmation Bias, Recency Bias oder Illusory Pattern Perception: Man fühlt sich zu sicher, sucht nur bestätigende Informationen, übergewichtet jüngste Ereignisse und erkennt Scheinkorrelationen. Gegenmaßnahmen sind bewusste Gegenargumente ("Devil?s Advocate"), standardisierte Entscheidungschecklisten und der Vergleich mit einfachen Benchmarks.

Entscheidungsaufschub und Prokrastination führen dazu, dass wichtige Entscheidungen endlos vertagt oder aus Bequemlichkeit gar nicht getroffen werden. Der Status?quo?Bias und Present Bias sorgen dafür, dass das Heute immer wichtiger erscheint als die Zukunft. Praktisch zeigt sich das in "Ich kümmere mich später um meine Geldanlage" oder im Liegenlassen sinnvoller Umschichtungen trotz klarer Evidenz. Hier helfen automatische Sparpläne, Voreinstellungen (Defaults) und klare Fristen für allfällige Überprüfungen der eigenen Finanzen bzw. des Portfolios.

Klumpenrisiken und Heimatmarkt?Fixierung (Home Bias) sind ein weiterer Klassiker. Anlegerinnen und Anleger konzentrieren ihr Vermögen in wenigen Titeln, Branchen oder dem Heimatmarkt und unterschätzen das Risiko. Familiarity Bias ("Was ich kenne, ist sicher") und Endowment Effect ("Meine Aktie ist etwas Besonderes") verstärken diese Muster. Abhilfe schaffen einfache Diversifikationsregeln, klare Obergrenzen für die Gewichtung von Einzeltiteln und Sektoren/Themen sowie regelmäßige Portfolio?Checks.

Kostenblindheit führt dazu, dass laufende Kosten und Gebühren unterschätzt oder ignoriert werden. Kleine prozentuale Unterschiede bei Kosten wirken über Jahre massiv auf die Nettorendite. Häufig fehlen Transparenz, Vergleich und ein Bewusstsein für den Zinseszinseffekt auf Kostenebene. Hier spielt uns unsere Tendenz, linear und nicht exponentiell zu denken, kostspielige Streiche. Einfache Hebel sind der systematische Vergleich von TER, Transaktionskosten und Produktstrukturen sowie Kostenobergrenzen in der Anlagestrategie.

Aktionismus und Überaktivität zeigen sich in ständigem Umschichten, kurzfristigem Trading und dem "Hinterherlaufen" von Nachrichten. Wir verwechseln Aktivität mit Kontrolle, obwohl die Datenlage klar zeigt, dass übermäßiges Trading typischerweise Rendite kostet. Dahinter stecken Overconfidence, Kontrollillusion ("Wenn ich handele, behalte ich die Oberhand") und nachrichtengetriebenes Trading. Sinnvoll sind hier klar definierte Entscheidungsintervalle, Filter für Informationsquellen und ein einfaches Regelwerk, wann nicht gehandelt werden darf - etwa sollten Posts des US?Präsidenten auf seiner Plattform Truth Social besser ignoriert werden.

Informationsüberflutung führt dazu, dass Anlegerinnen und Anleger sich im Detail verlieren und das Wesentliche aus dem Blick gerät. Zu viele, oft irrelevante Informationen erzeugen Rauschen, ohne den Entscheidungsnutzen zu erhöhen. Typische Muster sind das Sammeln endloser Analysen, Kursziele und Meinungen, ohne daraus eine konsistente Entscheidung abzuleiten. Hilfreich sind klare Kriterien für relevante Informationen, Begrenzung der Quellen und die Fokussierung auf wenige, robuste Kennzahlen.

Schließlich verstärken Planungsdefizite und Gegenwartspräferenz viele der genannten Fehler. Wer keine klaren Ziele, Zeithorizonte und Risikokorridore definiert, reagiert im Zweifel situativ und emotional. Present Bias, Planungsoptimismus und Status?quo?Bias sorgen dafür, dass langfristige Vorsorge auf "später" verschoben wird. Ein durchdachter Anlageplan mit klaren Zielen, die schriftlich fixiert und periodisch überprüft werden, ist der Hebel, um die eigenen Verhaltensmuster zu entschärfen. Ich kenne einige erfolgreiche Fondsmanager, die seit Jahrzehnten Buch führen über ihre Anlageentscheidungen und die Motive dahinter. Unisono berichten sie, dass die regelmäßige Reflexion über vergangene Entscheidungen ihre Lernkurve deutlich versteilt habe.

Wir müssen nicht jede Studie zur Behavioral Finance kennen, sollten aber die wichtigsten Muster hinter vergangenen Entscheidungen identifizieren und kritisch reflektieren. Wer seine Neigung zu emotional getriebenen Aktionen, zu Prokrastination oder exzessivem Medienkonsum kennt, kann seine Anlagestrategie so gestalten, dass er oder sie vor sich selbst geschützt wird. Regeln, Strukturen und nüchterne Entscheidungen, die in ruhigen Zeiten getroffen und in volatilen Zeiten beherzigt werden, können sich in Heller und Cent auszahlen.

Von Ali Masarwah, 7. April 2026, © envestor.de

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)



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