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22.03.2026 13:15

Wie der Iran-Krieg immer mehr Firmen und Verbraucher erfasst

Kämpfe in Nahost

Berlin (dpa) - Der Krieg im Nahen Osten ist Tausende Kilometer von Deutschland entfernt und hat doch längst Firmen und Verbraucher erreicht. Nicht nur an Tankstellen spüren die Menschen den Ölpreisschock, er droht sich über höhere Energie- und Transportkosten tief in viele Lebensbereiche und Branchen zu fressen. Ökonomen rechnen mit einer deutlich anziehenden Inflation und einem Dämpfer für die ohnehin anfällige Konjunkturerholung in Deutschland, vor allem sollten die Kämpfe lange andauern. Ein Überblick, wie der Krieg immer mehr die Wirtschaft trifft und was auf Verbraucher zukommt. 

Lebensmittel

Forscher befürchten, dass der Krieg die Lebensmittelpreise hoch treibt. Handelsexperte Carsten Kortum rechnet vor allem bei energieintensiven Produkten wie Backwaren, Milchprodukten sowie verarbeiteten Lebensmitteln wie Tiefkühlkost oder Getränken mit steigenden Preisen. Auch Produkte mit langen Lieferwegen wie Fisch oder Obst könnten wegen höherer Logistik- und Beschaffungskosten teurer werden, sagte der Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn. 

Laut Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ist die Lage bei Getreide, Mais, Soja und Reis besonders kritisch - wegen hoher Düngemittelpreise. «Hier sind Preissteigerungen wahrscheinlich», sagte die Ökonomin. Da Soja und Mais auch als Futtermittel verwendet werden, könne auch Fleisch teurer werden. 

Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie erwartet ebenfalls Folgen für die Preise. Die Kosten für Produktion und Auslieferung an den Lebensmittelhandel nähmen deutlich zu, sagte Geschäftsführer Olivier Kölsch. Holger Eichele vom Deutschen Brauer-Bund erklärte, dass steigende Energie- und Rohstoffpreise zu höheren Produktionskosten in der Getränkebranche führen könnten. Branchenexperte Kai Hudetz vom IFH Köln erwartet, dass der Handel Zusatzkosten mindestens teilweise an Verbraucher weiterreichen wird.

Die Lebensmittelpreise werden derweil zum Thema für die Bundesregierung. Die Taskforce von Union und SPD, die sich zuletzt bereits mit den hohen Spritpreisen beschäftigt hatte, werde sich nun die Kosten für Lebensmittel vornehmen, sagte der stellvertretende SPD-Fraktionschef Esra Limbacher. Die Taskforce werde «inflationsbremsende Maßnahmen» beraten. Limbacher brachte ein Sofortprogramm für heimische Düngerproduzenten sowie Steuererleichterungen im Nahrungsmittelbereich ins Spiel. 

 

Autofahrer

Sie trifft es spürbar: Die Preise für Benzin und Diesel haben seit Kriegsbeginn stark angezogen. Ein Liter Diesel war am Wochenende um über 55 Cent teurer als am Tag vor Kriegsausbruch, ein Liter Benzin um über 30 Cent. Hintergrund sind die durch den Krieg stark angestiegenen Rohölpreise. Es gibt aber auch Kritik an der Mineralölindustrie, dass die Preise im Verhältnis zum Ölpreis zu stark gestiegen seien. 

Die bereits hohen Spritpreise könnten auf die aktuelle Entwicklung im Iran-Krieg mit einem weiteren Anstieg reagieren. Am Wochenende zeigte sich bereits eine erste Tendenz. Beim Dieselpreis steht womöglich ein neues Allzeithoch ins Haus. Der ADAC fordert eine Senkung der Energiesteuer. Nur so ließen sich Verbraucher schnell und wirksam entlasten. 

Landwirtschaft

Die Bauern klagen über steigende Preise für Dünger und Sprit. 
«Gerade jetzt für die Frühjahrsbestellung sind die sprunghaften Preissteigerungen beim Diesel besonders schmerzhaft, auch die Preise für Dünger schießen nach oben», sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied kürzlich. Von März bis Juni werde bis zu einem Drittel des Jahresverbrauches an Diesel benötigt.

Grund für steigende Düngerpreise sind verzögerte Lieferungen von Ammoniak, weil davon rund ein Fünftel des Welthandels durch die gesperrte Straße von Hormus läuft. Noch gebe es aber keine Probleme bei der Versorgung der Landwirtschaft mit Mineraldüngern, erklärte der Industrieverband Agrar. «Bislang sind erste Auswirkungen auf die Preisentwicklung zwar spürbar, aber von Preisspitzen wie nach Russlands Überfall auf die Ukraine vor vier Jahren ist der Markt noch weit entfernt.»

Luftverkehr

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat die Drehkreuze am Persischen Golf als Achillesferse des internationalen Luftverkehrs bezeichnet. Tatsächlich haben die iranischen Angriffe dazu geführt, dass sich die Passagierströme zwischen Asien und Europa komplett verschoben haben. In der Folge sind die Preise auf den sicheren Direktverbindungen ohne Umstieg in den Emiraten stark gestiegen. Die Kapazitäten der Golf-Airlines fehlen auch im weltweiten Luftfrachtsystem, sodass hier die Raten heftig anziehen. 

Den höheren Kerosinpreis können Airlines für eine begrenzte Zeit wegstecken, wenn sie über Termingeschäfte entsprechende Vorsorge getroffen haben. Ohne dieses Hedging hat etwa die skandinavische SAS sofort die Preise massiv angehoben und schwach gebuchte Flüge gestrichen. Die US-Fluggesellschaft United Airlines kürzt nach dem drastischen Anstieg der Spritpreise durch den Iran-Krieg ihren Flugplan. Insgesamt werden rund fünf Prozent der für dieses Jahr geplanten Kapazitäten zeitweise stillgelegt.

Das IW rechnet allgemein mit Mehrkosten für Passagiere. Flugreisen dürften sich infolge der höheren Kerosinpreise verteuern, sagt Ökonomin Sultan.

Stahl 

Die energieintensive Stahlindustrie ist in Sorge. «Ein dauerhaft höherer Gaspreis hätte Auswirkungen auf die Produktionskosten, weil Erdgas an vielen Stellen in der Produktion eingesetzt wird», sagt eine Sprecherin vom Thyssenkrupp Steel, Deutschlands größtem Stahlkonzern. Gas komme etwa beim Beheizen von Öfen zum Einsatz oder als Grundlage für technische Gase.

Öl dagegen spiele im Energiemix des Konzerns eine untergeordnete Rolle. «Indirekte Auswirkungen können sich – wie in der gesamten Industrie – vor allem über die Verteuerung allgemeiner Energiepreise, Transportkosten und Vorprodukte ergeben», erklärt die Sprecherin. Aber: «Sollten höhere Energiepreise die wirtschaftliche Entwicklung belasten, könnte sich das perspektivisch auch auf die Nachfrage unserer Kunden auswirken.» 

Seine Rohstoff‑ oder Logistikströme sieht Thyssenkrupp Steel indes nicht beeinträchtigt, da der Konzern die Straße von Hormus grundsätzlich nicht für Transporte nutze. Kostensteigerungen seien dennoch nicht zu vermeiden, weil Fracht sich durch höhere Treibstoffkosten verteure.

Chemie

Die Chemie, die viel Gas und Öl verbraucht, ist vom Anstieg der Energiepreise besonders betroffen. Steigende Kosten kann die Branche aber nicht immer an Kunden weitergeben, was ihre Margen belastet. Öl und Gas spielen in der Chemie zudem eine zentrale Rolle als Ausgangsstoffe etwa für Kunststoffe, Dünger, Medikamente, Lösungsmittel und Kosmetika. 

Der Iran-Krieg trübt die Aussichten für die ohnehin kriselnde Branche, die unter teurer Energie, Überkapazitäten am Weltmarkt und der schwachen Wirtschaft leidet. Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VCI, warnte zudem jüngst vor Versorgungsengpässen bei Rohstoffen wie Ammoniak, Phosphat, Helium und Schwefel, da die Straße von Hormus faktisch blockiert ist. 

Spediteure

Mit dem gestiegenen Ölpreis hat sich Diesel stark verteuert, was Spediteure stark belastet. «Die Dieselpreisexplosion trifft die Transportbranche in besonderer Härte, da die Kraftstoffkosten rund ein Drittel der Gesamtkosten ausmachen», sagte jüngst Dirk Engelhardt, Chef des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Viele mittelständische Betriebe gerieten durch den Anstieg des Dieselpreises an ihre Grenzen. Der BGL forderte Soforthilfen von der Politik wie eine Dieselpreisbremse und zinsgünstige Liquiditätshilfen.

Reedereien

Direkte Folgen hat der Krieg im Nahen Osten für die Schifffahrt. Der Verband Deutscher Reeder (VDR) geht davon aus, dass mindestens 30 Schiffe von zehn Reedereien mit deutschem Bezug und rund 1.000 Seeleute im Persischen Golf festsitzen – etwa die Hälfte davon sind Containerschiffe. Der Deutschen Marine zufolge sollen es mehr als 50 Schiffe sein. VDR-Hauptgeschäftsführer Martin Kröger berichtete jüngst von Angriffen mit Drohnen und Raketen auf Handelsschiffe.

Zugleich warten viele Schiffe, die in den Golf einfahren wollen, auf eine Passage der gesperrten Seestraße. Rund 500 Schiffe sollen es sein, wie viele davon deutschen Reedereien angehören, ist unbekannt.

Autoindustrie

Die Branche kommt bisher glimpflich davon. Bei BMW und Audi heißt es, dass die Lieferketten stabil seien, beziehungsweise, es keine Beeinträchtigungen gebe. Auch der VW-Konzern spürt derzeit keine Folgen für die Produktion. Ähnlich sieht es bei Mercedes-Benz aus.

Eine Sprecherin des Verbands der Automobilindustrie (VDA) beschrieb hingegen Folgen für die Lieferketten, «insbesondere im Bereich der gestiegenen Frachtkosten und der Änderung von Transportwegen». Die Unternehmen und der VDA beobachteten die Entwicklungen genau. Bei Bedarf priorisierten die Unternehmen Transporte um.

Maschinenbau

Die Golfregion zählte für die Maschinenbauer zuletzt zu den wenigen Regionen mit stabilem Exportwachstum, das nun einzubrechen droht. Viele Projekte in den von Öl- und Gasförderung abhängigen Branchen sind gestoppt, wie der Verband VDMA berichtet. Sollte der Konflikt länger dauern, sei hier mit negativen Effekten zu rechnen. Vor Ort machten den Unternehmen gestörte Lieferketten Sorgen, weil die wichtigen Häfen Abu Dhabi und Dubai vom internationalen Verkehr abgeschnitten seien. Verzögerungen sowie gestiegene Transport- und Versicherungskosten seien problematisch und könnten oft nicht an Kunden weitergereicht werden.



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