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01.07.2026 12:52

Nagelsmann nimmt den Hinterausgang: Warten auf DFB-Urteil

Fußball-Nationalmannschaft

München (dpa) - Als Julian Nagelsmann mit seiner Frau Lena und seiner Mutter Burgi nach der riesigen WM-Enttäuschung nach Deutschland zurückkehrte, entschwand er durch einen Hinterausgang. Der Empfang wäre ohnehin ganz anders ausgefallen, als er ihn sich erträumt hatte. Keine Fan-Party am Brandenburger Tor mit dem goldenen WM-Pokal. Nicht einmal mehr die schwarz-rot-golden Cheerleader-Pompons, mit denen die Angestellten des The Graylyn Estate den Bundestrainer und seine gestürzten WM-Spieler im Turnier-Quartier in Winston-Salem immer begrüßt hatten, wurden geschwenkt. 

Stattdessen strömender Regen am Münchner Flughafen. Nagelsmann kam als ziemlich normaler Passagier und vor allem als WM-Verlierer mit dem Flug LH429 an. Vorbei an einem Dutzend Journalisten, die vergeblich auf eine Stellungnahme warteten, nutzte er eine Seitentür. Fans waren nicht gekommen.

Nagelsmann wusste, welche Stimmung ihn in der Heimat erwartet. «Wenn man heute eine Umfrage macht, dann habe ich die nicht», sagte er. Gefragt worden war der jüngste deutsche WM-Trainer nach der Unterstützung der Fans. «Es würde nicht jeder unterschreiben, dass ich Bundestrainer bleibe», fügte der 38-Jährige hinzu. Korrekt ist, dass dies die wenigsten unterschreiben würden. So mies ist die Stimmung. 

Kapitän Kimmich nicht an Bord

Unbehelligt und kaum erkannt hatte Nagelsmann in Charlotte, North Carolina, mit rosa Turnschuhen und dunkler Sonnenbrille für den Rückflug eingecheckt. Mit an Bord gingen auch die Bayern-Profis Jamal Musiala und Aleksandar Pavlovic, während Joshua Kimmich für eine Auszeit in Amerika blieb. 

Während viele DFB-Stars wie die Elfmeterfehlschützen gegen Paraguay, Kai Havertz und Nick Woltemade, in ihren Social-Media-Kanälen das WM-Schicksal wortreich bedauerten, muss der Kapitän den dritten WM-Schock offenbar noch in Ruhe verarbeiten. «Ja, wir sind alle sehr traurig und ja, ist sehr bitter gelaufen jetzt», sagte Pavlovic bei Sky nach seiner Landung in München.

Bei der Ankunft konnte Nagelsmann den Ernst der Lage auch am Zeitungskiosk nicht übersehen. «Jetzt muss Klopp kommen», titelte die «Bild»-Zeitung. Auf dem Boulevard herrscht Einigkeit. Fußball-Deutschland braucht nach der nächsten fatalen WM-Demütigung ein neues Gesicht für den Neuanfang. 

Der Einzige, der den Schlamassel beheben kann, soll Jürgen Klopp sein. Das scheint die Mehrheitsmeinung zu sein. Der Head of Global Soccer von Red Bull analysiert weiter in seinem Nebenjob die WM-Spiele für MagentaTV - und wartet ansonsten einfach mal ab. Oder wird im Hintergrund schon verhandelt?

Hummels als Wortführer

Ex-Weltmeister Mats Hummels machte sich jedenfalls zum Wortführer der Anti-Nagelsmann-Fraktion. Er forderte mit klaren Worten die Ablösung. Das Geschmäckle, das dabei entsteht, gab er unumwunden zu. Der Bundestrainer hatte ihn 2023 bei seinem Dienstantritt als große Stütze für die DFB-Abwehr reaktiviert, um ihn nach vier Spielen wieder eiskalt abzuservieren. War das damals schlechter Stil? Oder eine begründbare sportliche Entscheidung? 

«Deswegen bin ich logischerweise emotional in eine Richtung gedrängt. Aber wenn man die ganze Faktenlage gerade so sieht, würde ich sagen: Es muss sich auf der Trainerposition etwas ändern», sagte Hummels als Experte bei MagentaTV. Die Faktenlage ist tatsächlich erdrückend. Der Mann, der über das Trainer-Schicksal von Nagelsmann urteilt, heißt allerdings nicht Hummels, sondern Bernd Neuendorf.

WM war wieder ein deutsches Verlustgeschäft

Und der DFB-Boss neigt als einstiger Politiker nicht zu Bauchentscheidungen. Beim Deutschen Fußball-Bund geht wie nach den letzten WM-Blamagen 2018 und 2022 nichts im Eiltempo. Das liegt in der DNA des größten Sportfachverbandes. Da müssen Gremien befragt werden. Funktionäre aus Landes- und Regionalverbänden wollen das Gefühl bekommen, dass sie und ihre Meinung wichtig sind. 

Proporz und Wiederwahl sind Kriterien. Das kann also noch ein wenig dauern. Am Montag feiert Neuendorf zudem seinen 65. Geburtstag. Doch private Termine müssen zurückstehen, wenn der deutsche Fußball in Gefahr ist. 

Vielleicht muss auch die Verbandskasse genau inspiziert werden, auch wenn diese bald durch den neuen Nike-Vertrag mit vielen Millionen gefüllt wird. Das Aus in der Zwischenrunde hat nur elf Millionen Dollar an FIFA-Prämien eingebracht. Erinnert man sich an die sorgenvollen Worte von DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig vor dem Anpfiff, dann war das XXL-Turnier für den DFB nun ein Zuschussgeschäft in siebenstelliger Höhe. 

Es gibt unterschiedliche Informationen über die detaillierte Gestaltung des Nagelsmann-Vertrags bis zur EM 2028. Aber Personalwechsel kosten in den allermeisten Fällen Geld, im Profi-Fußball viel Geld. 

Man werde nach einem «derartigen Tiefschlag mit Blick auf die anstehenden Aufgaben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen», hatte Neuendorf noch in den USA versprochen. Man werde aber «gemeinsam und in Ruhe die Gründe erörtern, weshalb die Mannschaft ihr vorhandenes Potenzial nicht hat abrufen können und ihren eigenen und den Erwartungen Fußball-Deutschlands nicht gerecht geworden ist», sagte der DFB-Boss weiter. 

Geduld. Die haben die Fans mit der Nationalmannschaft schon lange nicht mehr. Die Historie zeigt, dass zweimal falsch entschieden wurde. 2018 durfte sich Joachim Löw mit dem Bonus des Ex-Weltmeistertrainers eine wochenlange Auszeit nehmen. Nach einem Mea-Culpa-Auftritt durfte er trotz Vorrunden-Aus in Russland bleiben. Und machte prinzipiell weiter wie zuvor. So viel Zeit bleibt diesmal nicht. Und der Bedarf an Veränderungen ist maximal eklatant. 

Arbeitsgruppe nach Katar gegründet

2022 wurde sogar eine prominent besetzte Taskforce gegründet. Hansi Flick blieb aber Bundestrainer, bis neun Monate später die Lage so fatal war, dass Nagelsmann als großer Wunschtrainer von Rudi Völler installiert wurde. Völler war als konkretes Ergebnis der Taskforce, der er selbst angehörte, zum DFB-Sportdirektor ernannt worden. Er ist so eng mit Nagelsmann verbandelt, dass auch sein Verbleib derzeit Verhandlungsmasse ist. 

Wie ein WM-Scheitern schneller aufgearbeitet werden kann, zeigen gerade die Niederländer. Bondscoach Ronald Koeman trat nach dem Zwischenrundenaus gegen Marokko einfach zurück. Ein Gedanke, den Nagelsmann strikt ablehnt. Oranje hat also einen Zeitvorsprung beim Neuanfang. Am 24. September kommt es zwischen den beiden gekränkten Fußball-Nationen zum ersten Länderspiel nach der WM in der Nations League. Vorteil Holland.



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