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| 11.06.2026 09:00 Der 1000-Tage-Trainer Nagelsmann «trägt die Verantwortung» Fußball-NationalmannschaftWinston-Salem (dpa) - Mit einem WM-Ball in der Hand auf seinem weit hochgereckten Arm sieht Julian Nagelsmann aus wie ein Abbild der Freiheitsstatue. Der Gesichtsausdruck des Bundestrainers mag auf dem Schnappschuss vom Trainingsplatz in Winston-Salem ein wenig kritisch wirken. Die Symbolkraft des Bildes ist kurz vor dem WM-Start der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gleichwohl eindeutig. Mut, Hoffnung, Aufbruch zu Großtaten: Dafür steht die Freiheitsstatue. Und das sind Attribute, die auch Nagelsmann für seinen American Dream verkörpern will. Gegen die Zweifel, trotz dieser latenten Stimmung der Skepsis um das DFB-Team nach den WM-Desastern 2018 in Russland und 2022 in Katar, beides vor der Zeit von Nagelsmann. Jetzt ist er der Bundestrainer. «Er trägt die Verantwortung», formulierte es Lothar Matthäus wenige Tage vor dem Auftaktspiel am Sonntag (19.00 Uhr/ARD und MagentaTV) in Houston gegen Curaçao etwas spitz. Der Rekordnationalspieler kommentierte damit die überraschende Nachnominierung des 20 Jahre alten Assan Ouedraogo. Aber diese vier Worte hatten eine Bedeutung weit über diese Personalie hinaus. Weltmeister-Ansage verfolgt NagelsmannNagelsmann hat die Ansprüche selbst formuliert. Aus der Enttäuschung heraus, spontan, im Sommer 2024 nach dem Aus bei der Heim-EM im Viertelfinale mit 1:2 nach Verlängerung gegen Spanien. «Dass man zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird, tut auch weh», sagte der Bundestrainer in Stuttgart. Der Satz hallt nach - bis heute. Er steht für immer in Nagelsmanns Bundestrainer-Vita. Auch wenn vom automatischen Titelgewinn keine Rede mehr ist. Rudi Völler beschreibt sein offizielles WM-Ziel so, dass man «schwer zu schlagen» sein will. Nagelsmann sagt: «Ich wäre sehr glücklich, wenn wir am Ende viele Stimmen hören der Fans und der Menschen im Land, die sagen, es hat Spaß gemacht, uns zuzuschauen.» Das klang 2024 eben anders. Auf den EM-Bildern von damals sieht Nagelsmann viel jünger aus, auch energetischer. In North Carolina im deutschen WM-Camp düst der 38-Jährige zwar flott mit dem Rennrad auf den Trainingsplatz. Er albert auch herum, wenn er seinen Rücken und sein Gesäß zur Kühlung vor den riesigen Ventilator im Spry Stadium hält. Doch der Druck ist greifbar. Trotz neun Siegen in Serie seit September, die doch eigentlich ein Hochgefühl vermitteln sollen. «Er ist auch angespannt, aber es ist eine positive Angespanntheit», konstatierte Völler. Völler: Nagelsmann «nicht mehr so unbedarft»Der DFB-Sportdirektor steht dem Bundestrainer als WM-Weiser und väterlicher Ratgeber zur Seite. Und äußerte in Winston-Salem dennoch einen erstaunlichen, ziemlich entlarvenden Satz. «Wichtig ist natürlich: Er ist nicht mehr so unbedarft wie noch vor der Europameisterschaft.» Unbedarft. Das ist im Fußball-Geschäft eine knallharte Bezeichnung. Aber sie ist ehrlich. Und letztlich doch nicht schlimm. Denn Unbedarftheit kann auch positive Kräfte freisetzen. Nagelsmann packt Dinge an. Er traut sich, seine Entscheidungen durchzuziehen. Egal, wie die chronisch überkritische Öffentlichkeit reagiert. Paradebeispiel ist die Personalie Manuel Neuer. Die Verkündung des spektakulären DFB-Comebacks des Rekordtorwarts, das gegen Curaçao nun real wird, ging kommunikativ in die Hose. Der Auftritt im ZDF-«Sportstudio» mit viel verbaler Eierei war maximal unglücklich. Doch Nagelsmann kniff nicht, sagte den TV-Auftritt nicht ab. Vielleicht war es Hybris. Möglicherweise hatte ihn die Vielzahl an Beratern um ihn herum auch nicht gewarnt. Völler nennt es Charakterstärke: «Er stellt sich, obwohl er weiß, dass es dann auch ein bisschen holprig werden kann. So ist er halt, deshalb mag ich ihn ja auch so. Und deswegen werden wir auch eine gute Weltmeisterschaft spielen.» Auch in den USA bleibt Nagelsmann mutig. Er erklärt den jungen Nathaniel Brown (23) zur Stammkraft links hinten. Felix Nmecha (25) und Aleksandar Pavlovic (22) bilden das zentrale Sechser-Duo, obwohl beide Turnierneulinge sind. Und hätte sich Lennart Karl (18) nicht verletzt, wäre er zum zweitjüngsten deutschen WM-Spieler geworden. Historisch jungNagelsmann ist mit 38 Jahren der jüngste Bundestrainer in der deutschen WM-Geschichte. Er ist auch der jüngste der 48 Nationaltrainer beim XXL-Turnier. Aber unerfahren ist er nicht mehr. «Er macht es ja auch schon knapp drei Jahre jetzt. Er weiß, dass die ganze Nation natürlich auch gewisse Dinge hinterfragt», sagte Völler, der 2002 als DFB-Teamchef auch nur vier Jahre älter war. Zwischen der Partie gegen den großen Außenseiter Curaçao und dem zweiten WM-Duell gegen die Elfenbeinküste am 20. Juni in Toronto feiert Nagelsmann in den USA ein Jubiläum. 1000 Tage wird er am 18. Juni im Amt sein. An dieser symbolischen Wegmarke hatte nur Jupp Derwall bei der EM 1980 schon einen Titel gewonnen. Ein WM-Sieg gelang keinem im ersten Versuch, nicht Sepp Herberger, nicht Helmut Schön, nicht Franz Beckenbauer und auch nicht Joachim Löw. Nicht nur SupertageOb jeder einzelne Bundestrainer-Tag ein Vergnügen gewesen sei, wurde er im Podcast «Spielmacher» von «360Media» gefragt. Auch die Antwort fiel ehrlich aus. «Nee, aber mehr Supertage als schlechte Tage. Ich glaube, nur Supertage gibt es nie. Insgesamt ist es ein ganz toller emotionaler Job, der jetzt im Sommer noch etwas ganz Großes bereithält», sagte er. Nagelsmann, der einen Vertrag bis zur EM 2028 hat, hat Gefallen gefunden am wichtigsten deutschen Fußballamt. Die Arbeit, die ihm als Clubcoach in Hoffenheim und Leipzig und besonders beim FC Bayern München tägliche Aufmerksamkeit gab, tauschte er für die größtmögliche Bühne ein. In Winston-Salem fiel Nagelsmann kurz nach dem Freiheitsstatuen-Foto der Ball aus der Hand auf den Kopf. Dieses Missgeschick soll kein WM-Symbolbild werden. Weitere Nachrichten |
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