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01.04.2026 06:43

Beiruts Vororte: Ein Wohngebiet als Angriffsziel

BEIRUT (dpa-AFX) - Einst war Haret Hreik in der libanesischen Hauptstadt Beirut berühmt für seine bunten Villen. Jede mit einem eigenen kleinen Garten. Auf Bäumen wuchsen Aprikosen, auf Palmen Datteln. "Zwischen Rosenbäumen der Nachbarn bin ich zur Schule gelaufen", erinnert sich Kamelia. "Es war einmal wunderschön", sagt die 64-Jährige.

Haret Hreik gehört heute zu den als Dahija bekannten südlichen Vororten Beiruts. Wer derzeit Aufnahmen aus Dahija im Fernsehen sieht, wird vor allem von solchen Bildern erschlagen: riesige Trümmerhaufen, Raketen- und Bombeneinschläge, aufsteigende Rauchwolken über eintönigen Hochhäusern.

Im Zuge des Iran-Kriegs stehen auch die libanesische Hisbollah-Miliz und Israel wieder im offenen Konflikt.

Nach einem vorausgegangenen Krieg wurde im Herbst 2024 eine Waffenruhe vereinbart. Die Lage hat sich seitdem jedoch erneut zugespitzt. Beide Seiten warfen sich Verstöße vor. Das israelische Militär griff weiterhin nahezu täglich an. Nun feuerte die Hisbollah Anfang März als Reaktion auf die Tötung des iranischen obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei Raketen auf Israel. Das israelische Militär greift seitdem wieder massiv im Libanon an, unter anderem in Dahija.

Wichtiges Einflussgebiet der Hisbollah

Über den Libanon hinaus sind die Vororte heute vor allem bekannt als Hochburg der Hisbollah-Miliz. Besucht man sie, ist das nicht offenkundig. Das öffentliche Leben spielt sich hier wie in anderen Städten ab - mit Nagelstudios, Unterwäsche-Läden und Restaurants.

Eine sichtbare Präsenz von Hisbollah-Kämpfern gibt es nicht. Doch die Regeln legt die Schiitenorganisation fest, auch zum eigenen Schutz. Es ist zum Beispiel untersagt, Bilder in den Straßen zu machen. Die Angst vor israelischen Spionen ist groß. Es war auch die Hisbollah selbst, die den Begriff Dahija - übersetzt "Vorort" - für die Gegend etablierte. Ein Schritt, um das Gebiet klar als das eigene abzugrenzen.

"Wir verlieren unsere Häuser und stehen wieder auf"

In Dahija leben vor allem schiitische Muslime, die in der Hisbollah eine Art Schutzmacht sehen. Die Hisbollah entstand als Reaktion auf die israelische Invasion im Libanon Anfang der 80er Jahre und gewann nicht nur als Miliz an Einfluss, sondern auch als politische Partei.

In ihrem Kampf gegen den erklärten Erzfeind Israel wird sie vom Iran unterstützt. Den jüdischen Staat bezeichnet sie seit ihrer Gründung als größte Bedrohung. Während viele im Land den Einfluss der Hisbollah mittlerweile kritisch sehen, ist die Unterstützung innerhalb der schiitischen Gemeinschaft weiter groß.

"Wir in Dahija sind resilient geworden: Wir verlieren unsere Häuser und stehen dann wieder auf", sagt eine Anwohnerin, die die Hisbollah unterstützt und anonym bleiben will. "Häuser sind nicht wichtig, solange jemand unsere Rechte verteidigt und für den Erhalt unserer Souveränität stirbt."

Achtmal dichter besiedelt als Berlin

Wo einst einzelne Häuser standen, reihen sich heute Hochhäuser aneinander. Genaue Einwohnerzahlen aus Dahija gibt es nicht, es wird geschätzt, dass dort um die 800.000 Menschen leben. In den Kernzonen wie Haret Hreik wohnen etwa 35.000 Menschen pro Quadratkilometer. Damit sind sie ungefähr achtmal so dicht besiedelt wie Berlin.

Israel wirft der Hisbollah vor, militärische Infrastruktur wie Kommandozentralen und Waffenlager bewusst in zivilen Gebieten einzurichten, um sich selbst vor Angriffen zu schützen. Der langjährige Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah wurde im Herbst 2024 in Haret Hreik in einem Bunker unter Wohnhäusern getötet. Israel soll bei seiner Tötung Berichten zufolge Bomben mit einem Gewicht von mehr als 80 Tonnen eingesetzt haben. Mehr als 30 Menschen wurden mit Nasrallah bei dem Angriff getötet.

Expertin wirft Israel vor: Angriffe als Kollektivbestrafung

Seit Beginn des aktuellen Krieges hat Israel nun die gesamten Vororte und zum Teil auch umliegende Gebiete als Angriffsziele markiert, weil es dort Infrastruktur der Schiitenmiliz vermutet. Seitdem wird dort regelmäßig angegriffen. Hunderttausende Menschen sahen sich gezwungen, ihre Häuser zu verlassen.

Die Direktorin des Carnegie Middle East Centers mit Sitz in Beirut, Maha Yahya, sieht die israelische Darstellung kritisch. Sie sieht in den Angriffen eine Kollektivbestrafung der schiitischen Zivilbevölkerung. "Es mag in Dahija einige Waffenlager geben", sagt Yahya der Deutschen Presse-Agentur. "Aber ich gehe nicht davon aus, dass die gesamte Gegend ein einziges Waffenlager ist, wie die israelische Armee behauptet." Die Vorgehensweise erinnere sie an den Gaza-Krieg. "Was wir sehen, ist eine flächendeckende Zerstörung ganzer Stadtviertel."

Deutsche Bewohnerin: "Wollen diesen Ort weiter verteidigen"

Die Deutsche Monika Borgmann lebt seit 2001 im Vorort Haret Hreik. Sie hat ihre eigene Geschichte mit der Hisbollah: Ihr Ehemann Lokmann Slim gehörte zu den lautesten Kritikern der Organisation und deren Dominanz im Land. Vor fünf Jahren wurde er getötet - mutmaßlich ermordet von der Hisbollah. Angeklagt oder festgenommen wurde bis heute niemand. Aus Haret Hreik wegziehen wollte Borgmann dennoch nie.

"Wir wollten diesen Ort und wir wollen ihn nach wie vor verteidigen", sagt Borgmann der dpa. In Haret Hreik hat sie mit ihrem verstorbenen Mann die Organisation Umam gegründet und schuf einen kulturellen Ort für Ausstellungen, Filmvorführungen und Begegnungen. "Wir hatten ein extrem diverses Publikum", fährt sie fort. Leute aus den Christenvierteln, aus Palästinenservierteln oder Botschafter seien dort aufeinandergetroffen. "Wir haben eben Leute zusammengebracht", sagt sie.

Auch viele Bewohner aus Dahija seien oft zu Veranstaltungen gekommen. Das seien nicht unbedingt Anhänger der Hisbollah gewesen. "Aber nicht jeder, der dort lebt, ist pro Hisbollah", betont sie. Wegen des neuen Krieges musste auch sie ihr Haus verlassen.

Die 64 Jahre alte Kamelia, die sich noch an die Pracht der Beiruter Vororte erinnert, sagt: "Ich hoffe, dass der Libanon eines Tages wieder so schön sein wird, wie es Haret Hreik einmal war." Noch bis zum Krieg 2024 hat sie dort gelebt. Nun wohnt auch sie in einem anderen Stadtviertel. Ob ihr altes Zuhause noch steht, weiß sie nicht./arj/DP/zb



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