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10.03.2026 11:00

Hat der Staat kapituliert? E-Zigaretten-Schwarzmarkt brummt

Schattenseite des Vaping-Booms

Berlin (dpa) - Deutschlands E-Zigaretten-Branche hat ein gravierendes Problem. Die Händler und Hersteller registrieren zwar eine steigende Nachfrage nach ihren Elektrogeräten und Flüssigkeiten (Liquids). Dabei machen sich aber ungebetene Gäste breit: Schwarzmarkt-Händler, die sich ein großes Stück vom Kuchen abschneiden. Das ist das Ergebnis mehrerer Studien, die in den vergangenen Monaten herausgekommen sind. Zwei weitere erschienen am Dienstag. Ihr Ergebnis ist niederschmetternd: Der Schwarzmarkt-Anteil ist schon jetzt groß – und droht noch größer zu werden.

«Bis zu 40 Prozent der hier konsumierten Vapes kommen aus illegalen Quellen, Tendenz steigend», warnt der Chef des Branchenverbandes BVTE, Jan Mücke. Sollte das von der Bundesregierung geplante Verbot von Menthol und weiteren Inhaltsstoffen tatsächlich kommen, so könnte sich der Schwarzmarkt-Anteil bis 2030 verdoppeln. Grund: Viele Konsumenten würden auf illegale Kanäle ausweichen, um die Menthol-Produkte zu bekommen.

Der prozentuale Anstieg wäre heftig, da die Nachfrage an sich vermutlich weiter wachsen wird. Denn Vaping ist im Trend, die Nutzung steigt Jahr für Jahr. Die Inhalation der erhitzten Luft gilt als weniger gesundheitsschädlich als das Tabakrauchen. Schlecht für die Gesundheit ist es zwar dennoch, wie Mediziner warnen. Dennoch greifen immer mehr Menschen zur E-Zigarette, um die verdampfte Flüssigkeit zu inhalieren und dabei Aromen wie «Cherry Lemonade» oder «Tasty Muffin» zu schmecken. 2025 stieg der legale Umsatz in Deutschland schätzungsweise um ein Viertel auf 2,4 Milliarden Euro.

Unerfreuliche Entdeckungen im Müll

Im Auftrag des BVTE untersuchten unterschiedliche Institute die Situation. Marktforscher kauften an 60 Verkaufsstellen in Deutschland ein, 10 davon boten illegale Ware an. Außerdem wurden in Berlin und Hamburg rund 350 weggeworfene E-Zigaretten in Sortieranlagen aus dem Müll geholt, der Anteil illegaler Ware lag bei circa 13 Prozent. In Bremen wurden etwa 300 Einweg-E-Zigaretten eingesammelt, die im Gelben Sack gelandet waren. Dort gehört der Elektroschrott nicht hin. 40 Prozent dieser Einweg-Ware stammten aus illegalen Kanälen. «Es wird immer schlimmer», sagt Mücke.

Eine andere, vom chinesischen Anbieter Elfbar in Auftrag gegebene und schon im November publizierte Untersuchung schätzt den Schwarzmarkt-Anteil auf 40 bis 60 Prozent. Elfbar hat ein Interesse daran, dass die illegalen Konkurrenten vom Markt verschwinden, schließlich möchte es sein legales Geschäft deutlich ausweiten. Doch die Kontrollen in Deutschland und anderswo seien schwach, klagt das chinesische Unternehmen. «Es sind stärkere Durchsetzungsmaßnahmen erforderlich – sowohl vor Ort im Handel als auch an den Grenzen und entlang der illegalen Lieferketten.»

Schwarzmarkt setzt legale Händler unter Druck

Die nun frisch publizierte Studie des Forschungsinstituts Fraunhofer ILS im Auftrag des Beratungsunternehmens SKR zeigt ein ähnlich düsteres Bild. Deren Forscher glichen Einfuhrdaten mit dem geschätzten tatsächlichen Bedarf ab und kamen zu dem Fazit, dass der Schwarzmarkt in Deutschland bei etwas über 30 Prozent liegt. Zählt man den grauen Markt hinzu – also private Eigenimporte aus dem Ausland, bei denen die Ware in Deutschland nicht zugelassen und nicht versteuert ist – so liege der irreguläre Markt hierzulande bei 36 Prozent und im EU-Schnitt sogar bei 48 Prozent.

Die Vape-Produkte erreichten die EU massenhaft in Standardpaketen – über Züge, Schiffe und Flugzeuge. Laut EU-Kommission kamen im vergangenen Jahr pro Tag 12 Millionen Pakete in der EU an und damit deutlich mehr als zuvor. «Was wie harmlose Sendungen aussieht, summiert sich zu einem milliardenschweren Schattenmarkt», sagt Rico Back vom Beratungsunternehmen SKR. «Die Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft sind immens.» Die Masse sei so groß, dass der Zoll das gar nicht kontrollieren könne. 90 Prozent der irregulären Ware komme aus China.

Die Ware sei leicht im Internet bestellbar, das Angebot riesig – und es sei offensichtlich, dass das illegal sei. So hätten legale Vapes in Deutschland bis zu 1.000 Züge, im Internet würden aber Vapes mit bis zu 25.000 Zügen angeboten. Das sei angesichts der Mengenbegrenzung gar nicht möglich. Als einen Weg zur Lösung sei eine engere Kooperation mit China: Peking sollte stärker gegen die illegale Produktion vorgehen, damit die Ware gar nicht erst losgeschickt werde.

Zollgewerkschaft schlägt Alarm

Zöllner sehen die Entwicklung mit Sorgenfalten. «Der illegale Markt wächst in einem schwindelerregenden Tempo», sagt der Bundesvorsitzende der Deutschen Zoll- und Finanzgewerkschaft (BDZ), Thomas Liebel. Man könne nur stichprobenhaft kontrollieren. Die «Vollzugsrealität» sei düster. «Als Zoll müssen wir vor illegalen Tabak- und Nikotinprodukten mehr oder minder kapitulieren, weil die Masse so groß ist.» Er fordert mehr Personal für den Zoll und einen effizienten Datenaustausch zwischen Behörden, innerhalb Deutschlands und in der EU.

«Die Gewinnmargen für die Kriminellen sind groß und das Entdeckungsrisiko ist gering», sagt Liebel. Der Einkaufspreis in China liege bisweilen nur bei einem Zehntel des Preises, der auf Deutschlands Schwarzmarkt erzielt werde. Die Schwarzmarkt-Händler seien häufig auch in die organisierte Kriminalität verwickelt – Geld, was mit illegalen Vapes verdient wird, diene als Anschubfinanzierung für Menschen- und Drogenhandel.

Frustrierend sei, dass häufig nur Scheinfirmen aktiv und die Hintermänner nicht greifbar seien. «Wenn wir einen Zugriff machen, ist dort niemand haftbar - wir können den Steuerschaden nicht abschöpfen und kommen an das Vermögen der Kriminellen nicht heran.»

Geradezu zum Haareraufen ist ein Fall aus Bayern. Dort wurden im vergangenen Jahr in einem alten Industrielager 69 Paletten mit jeweils 12.500 Vapes aus illegaler Produktion sichergestellt. Für die Ware habe der Zoll einen Brandschutzbunker anmieten müssen und sie schließlich vernichtet, was alles in allem etwa 750.000 Euro gekostet habe, berichtet Liebel. «Die beklagte Firma war nicht greifbar, die beiden Inhaber waren in China – also blieb der deutsche Steuerzahler auf den Kosten sitzen.»



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