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13.02.2026 17:50

Job für eine Frau: Die erste Krise der IOC-Chefin

Olympische Winterspiele

Mailand (dpa) - Im ersten Krisenmoment ihrer Amtszeit sah Kirsty Coventry nicht wie eine Gewinnerin aus. Die Stimme stockte, die Augen waren feucht, als die IOC-Präsidentin die unnachgiebige Position beim Ausschluss des Ukrainers Wladislaw Heraskewytsch von den olympischen Skeleton-Rennen zu erklären versuchte. Am Tag nach dem großen Gefühlschaos hatte sich 42-Jährige wieder gesammelt und entgegnete auf die Frage nach der schweren Bürde des Amtes an der Spitze einer zerrissenen Sportwelt fast schon heiter: «Das ist ein Job, den nur eine Frau machen kann.»

Spätestens die heftige Kontroverse um den vom Internationalen Olympischen Komitee verbotenen Helm von Heraskewytsch, der Bilder von im Krieg gegen Russland getöteten Sportkollegen zeigt, rückte auch Coventry ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Bei ihrer Olympia-Premiere als Nachfolgerin des Deutschen Thomas Bach erlebt die frühere Weltklasse-Schwimmerin aus Simbabwe ihre Feuertaufe ausgerechnet bei einem ihrer Herzensthemen.

«Die Regeln sind die Regeln»

Als Vorsitzende der IOC-Athletenkommission hatte Coventry maßgeblich die Weiterentwicklung des Regelrahmens für Meinungsäußerungen von Sportlerinnen und Sportlern bei Olympia beeinflusst. Den Sturm der Entrüstung über die Disqualifikation von Heraskewytsch, der nicht ohne seinen Gedenk-Helm starten wollte, konterte die Mutter von zwei Töchtern bestimmt: «Die Regeln sind die Regeln, und ich glaube an diese Regeln. Ich halte diese Richtlinien für sehr gut.» 

In einem Eilverfahren gab der Internationale Sportgerichtshof Coventry in diesem Punkt recht und lehnte den Einspruch von Heraskewytsch gegen seinen Ausschluss nach knapp dreistündiger Anhörung in Mailand ab.

Im Kontrast zu ihrem oft kühl-distanzierten Mentor Bach aber erlaubte sich Coventry in der Drucksituation von Cortina d'Ampezzo emotionale Augenblicke in der Öffentlichkeit. Dem tagelangen Ringen um einen Kompromiss hinter den Kulissen gab die zweimalige Olympiasiegerin mit ihren Tränen ein Gesicht. Und doch blieb sie gefangen in den Bestimmungen der Olympischen Charta, die noch immer an der Utopie einer Trennung von Sport und Politik festhält. 

Russland vor der Rückkehr

Das moderne IOC bringe «die olympische Bewegung in Verruf», schimpfte die ukrainische Ski-Freestylerin Kateryna Kozar. Das Vorgehen gegen Heraskewytsch «stinkt nach Heuchelei, während sie Russland erlauben, sich wieder in die olympische Familie einzuschleichen», kommentierte die «Daily Mail». Und selbst russische Medien waren keineswegs zufrieden. «Die Führung des IOC hat sich in ihrem Bestreben, es allen recht zu machen, in eine Sackgasse manövriert», urteilte der «Sport-Ekspress». 

Der Umgang mit Russlands Angriffskrieg in der Ukraine ist eines der brisantesten Themen, das Coventry von Bach übernommen, dem lange eine zu große Nähe zur Sportmacht von Kremlchef Wladimir Putin vorgeworfen wurde. «Wir verstehen etwas von Politik, und wir wissen, dass wir nicht in einem Vakuum operieren. Aber unser Spiel ist der Sport», sagte Coventry kurz vor Beginn der Winterspiele in Italien.

Dass sie immer wieder die Neutralität der Sportplätze betont, auf denen jeder Athlet ohne politische Einflussnahme wetteifern soll, nährt die Erwartung, dass auch Russland bald wieder vollwertiges Mitglied der olympischen Gemeinde werden darf. Derzeit ist Russlands Olympisches Komitee suspendiert, weil es die vier annektierten ukrainischen Gebiete Donezk, Cherson, Luhansk und Saporischschja aufgenommen hatte. Die 13 russischen Teilnehmer der Winterspiele in Italien müssen daher unter neutraler Flagge starten. 

Es gilt jedoch als offenes Geheimnis, dass Fußball-Weltverbandschef Gianni Infantino mit seinem Ruf nach einer Wiederzulassung russischer Mannschaften im IOC keineswegs allein ist. Coventry hält sich wie bei den meisten anderen aktuellen Brandherden seit ihrem Dienstantritt im vergangenen Juni öffentlich meist im Ungefähren auf.

Neuordnung des olympischen Programms

Die erste Präsidentin in der fast 132-jährigen IOC-Geschichte hat der Dachorganisation mit ihrem Start einen Prozess von «Innehalten und Nachdenken» verordnet. Entwickeln will sie ein Programm unter der Überschrift «Fit für die Zukunft». Erste Ergebnisse könnte sie bei einer außerordentlichen Generalversammlung im Juni vorlegen. 

Bei den Winterspielen wird dabei vor allem die mögliche Neuordnung des olympischen Programms intensiv diskutiert. Die Nordische Kombination bangt um ihren Platz. Im Sommer ist der Moderne Fünfkampf einer der Streichkandidaten. Nicht mehr ausgeschlossen scheint, dass künftig einige Hallensportarten aus dem Sommerprogramm in den Winter wechseln, auch um Platz für neue Sportarten für ein junges Publikum zu schaffen.

«Wir werden vor schwierigen Entscheidungen und Gesprächen stehen – das gehört zum Wandel dazu», sagte Coventry in einer Grundsatzrede in Mailand. Sie hat den IOC-Mitgliedern wieder mehr Mitsprache versprochen als noch unter der Führung von Bach, der zentrale Entscheidungen ins Exekutivkomitee verlagert hatte.

Nächste Herausforderung: Donald Trump

Auch beim zuletzt intransparenten Prozess der Vergabe Olympischer Spiele kündigte Coventry Neuerungen an. Welche genau, das dürfte auch den Deutschen Olympischen Sportbund brennend interessieren. Der DOSB ermittelt gerade in einem nationalen Auswahlverfahren zwischen Berlin, München, Hamburg und der Rhein-Ruhr-Region einen eigenen Bewerber für Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044.

Auf Coventrys To-do-Liste steht dazu noch der Schutz der Frauen-Kategorie, nachdem der Olympiasieg der Algerierin Imane Khelif bei Olympia 2024 in Paris eine Geschlechter-Debatte entfacht hatte. Selbst Donald Trump hatte sich damals eingemischt. Mit dem US-Präsidenten wartet schon bald die nächste große Herausforderung auf Coventry. Trump ist 2028 Gastgeber der Sommerspiele von Los Angeles.



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