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09.03.2026 07:17

Kritik an neuer Formel 1: Wie bei Videospiel «Mario Kart»

Nach Regelzäsur

Melbourne (dpa) - Max Verstappen kommt sich bei der neuen Formel 1 wie in einem Videospiel vor. Das will der viermalige Weltmeister von Red Bull und leidenschaftliche Sim Racer nach dem packenden Saisonstart in Australien aber überhaupt nicht als Lob verstanden wissen.

Von «Chaos hoch und runter» sprach Verstappen nach dem Aufbruch in eine neue Zeitrechnung in der Königsklasse des Motorsports bei Viaplay. Die Notwendigkeit, die Batterie im Motor nach dem Entladen wieder aufzuladen, würde im Mittelfeld zu «seltsamen Dingen» führen, die ihn an «Mario Kart» erinnern. Verstappen würde am liebsten die Zeit zurückdrehen.

Laden und Entladen

Der 71-malige Grand-Prix-Sieger wird mit der neuen Formel 1 nicht warm. Schon während der Testfahrten regte er sich über die Generation 2026 auf. «Es hat mit der Formel 1 eigentlich nichts zu tun», hatte Verstappen geklagt. «Es fühlt sich eher an wie die Formel E auf Steroiden.»

Nach der Regelreform sind die Fahrer zu permanentem Batterie-Management aufgerufen. Vollgas fahren können sie nicht mehr komplett, sonst geht ihnen mit den neuen Motoren der Saft aus. Die Aggregate beziehen zu gut 50 Prozent Leistung vom Verbrenner und zu fast 50 Prozent aus der Batterie, die wieder geladen werden muss.

Verstappens Instinkt als Rennfahrer

Verstappen ist aber ist ein vehementer Vertreter des Vollgasfahrens: So spät wie möglich bremsen, so früh wie möglich beschleunigen. Auf der Geraden Herunterschalten, vom Gas gehen und ausrollen, um dann mit geladener Batterie wieder voll beschleunigen können, wie in der Qualifikation praktiziert, das widerspricht dem Instinkt des Niederländers.

«Fahrer und Fans wollen nur das Beste für den Sport. Wir sind nicht einfach nur um der Kritik willen kritisch», sagte Verstappen, der nach Startplatz 20 in Melbourne noch Sechster wurde. «Wir sind aus gutem Grund kritisch, denn wir wollen, dass es die Formel 1 bleibt, also die richtige Formel 1 auf Steroiden.»

In der Welt des schnurbärtigen Klempners

Die Fans bekamen vor allem in der Anfangsphase ein Spektakel geboten, als sich der spätere Rennsieger George Russell im Mercedes und Ferrari-Fahrer Charles Leclerc an der Spitze mehrfach überholten. Dank der neuen Modi «Boost» (Schub) und «Overtake» (Überholen) wurden schlussendlich 125 Überholmanöver gezählt. Dem gegenüber stellten die Statistiker der Formel 1 gerade einmal 45 beim Saisonstart in Melbourne vor einem Jahr.

Leclerc fühlte sich im Rennen phasenweise ebenfalls in die Welt des schnurbärtigen Videospiel-Klempners Super Mario versetzt. Einen Geschwindigkeitsschub bei Mercedes verglich er mit dem Turboantrieb in der Gaming-Reihe. «Das ist wie ein Pilz in Mario Kart», funkte Leclerc und amüsierte damit auch seinen Renningenieur: «Der war gut.»

Wie auf Knopfdruck

«Das Racing hat im Vergleich zu den vergangenen Jahren gar nicht so viel Unterschied gemacht. Und das auf einer Strecke, die energetisch besonders anspruchsvoll ist», befand Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

Verstappen würde dem aber nicht vorbehaltlos zustimmen. Die Frage für ihn dürfte sein: Werden bei Überholmanövern die Kontrahenten ausgebremst, um eine Position zu gewinnen, oder wird dafür wie bei einem Videospiel ein Knopf auf einem Joypad gedrückt? Reine Lehre gegen Gaming Lehre.

Norris sorgt sich um die Sicherheit

Weltmeister Lando Norris, der die neue Formel 1 während der Tests noch verteidigt hatte, führte wiederum Sicherheitsbedenken an und begründete das mit den Tempounterschieden. Ein Beispiel lieferte der Start, als Franco Colapinto im Alpine gerade noch um den fast liegengebliebenen Racing Bull von Liam Lawson manövrieren musste.

Viel zu hektisch fand Norris das erste Saisonrennen. «Es ist ein Chaos, es kommt zu schweren Unfällen. Man fährt und wartet nur darauf, dass etwas passiert und etwas schrecklich schiefgeht», meinte Norris, der vor Verstappen Fünfter wurde.

«Jeder schaut immer nur auf sich selbst»

Situationsbedingt sprach der 35. Weltmeister der Formel-1-Geschichte von Unterschieden «von 30, 40 oder 50 km/h. Wenn jemand bei diesem Tempo einen trifft, fliegt man durch die Luft, landet über dem Zaun und fügt sich selbst und möglicherweise auch anderen großen Schaden zu. Das ist eine ziemlich schreckliche Vorstellung», sagte Norris.

Während er keine Aussicht auf schnelle Abhilfe sieht, appellierte Verstappen an Motorsport-Weltverband Fia und Formel-1-Geschäftsführung, schnell für Änderungen zu sorgen. Aber wollen das alle? «Jeder schaut immer nur auf sich selbst. Wir sind in dieser Hinsicht alle egoistisch», räumte Russell ein.

Die alten Wagen verursachten Rückenschmerzen

Der Engländer erinnerte an die sogenannten Ground-Effekt-Wagen der Vorgängergeneration, die aufgrund ihrer aerodynamischen Besonderheit auf dem Asphalt teils heftig hüpften. «Alle hatten davon Rückenschmerzen und die Fahrer haben sich darüber beschwert», sagte Russell.

Der Mercedes-Teamchef findet die aktuelle Kritikwelle ebenfalls nicht ganz angebracht. «Wir neigen dazu, sehr nostalgisch zu sein, wenn wir auf vergangene Ereignisse zurückblicken», sagte Wolff, der sich natürlich selber freut, dass sein Rennstall die neuen Regularien schon jetzt sehr erfolgreich umzusetzen scheint.

Die Fans entscheiden mit

Anpassungen im Reglement hält Wolff aber nicht für ausgeschlossen. «Wir müssen die Fans begeistern, deshalb müssen wir uns einfach das Produkt ansehen», sagte der Österreicher. «Und wenn es angepasst werden muss, wenn wir etwas ändern müssen, dann haben wir meiner Meinung nach in der Formel 1 die Flexibilität, solche Entscheidungen immer zu treffen.»



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