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17.02.2026 06:09

Chinas sorgenvolle Jugend sucht Rat bei KI

PEKING (dpa-AFX) - Sehr viele junge Menschen in China kämpfen mit psychischen Problemen - Experten zufolge suchen sie zunehmend Rat bei Künstlicher Intelligenz. "Das emotionale Wohlbefinden von jungen Menschen in China steckt in einer Krise", heißt es in einem Buch der Psychologin Olive Woo und des KI-Experten Yuk Ming Tang. Zugleich seien psychische Erkrankungen in der chinesischen Gesellschaft noch immer stigmatisiert, entsprechend hoch sei die Hürde, sich Hilfe bei einem Therapeuten zu holen.

Junge Menschen stehen in China unter enormem Druck, als Einzelkinder Erwartungen der Familie zu erfüllen, Plätze an den besten Schulen und Universitäten zu ergattern und nach dem Abschluss auf dem schwächelnden Arbeitsmarkt einen Job zu finden. Hinzu komme sozialer Druck durch den Dauervergleich in sozialen Medien und der Stress, dort womöglich etwas zu verpassen.

Zudem gelten in China psychische Probleme laut Woo als eigenes oder familiäres Versagen. Der drohende Gesichtsverlust könne verhindern, dass junge Leute professionelle Hilfe bei einem Therapeuten suchen, heißt es im Buch "DeepSeek and Mental Health Support Among Chinese Youth".

KI - Rettungsanker in der "stillen Epidemie"

Die Zahlen der sogenannten "stillen Epidemie" seien erschreckend. Suizid sei eine der häufigsten Todesursachen bei Menschen zwischen 15 und 24 Jahren. Nach Schätzungen litten rund ein Fünftel der Jugendlichen unter Symptomen einer Depression. Unzählige Menschen erhielten nicht die Unterstützung, die sie dringend benötigten.

Vielfach werden inzwischen populäre KI-Plattformen wie DeepSeek als Rettungsanker gesehen, wie Woo und Tang erläutern. Die Hemmschwelle sei niedrig, DeepSeek auf die Bedürfnisse der chinesischen Gesellschaft zugeschnitten, die Hilfe vorurteilsfrei und rund um die Uhr möglich.

Zudem sei KI auch für Menschen in abgelegenen oder einkommensschwachen Regionen verfügbar, in denen es kaum Therapeuten gebe. Generell ist das begrenzte Hilfsangebot dem Expertenduo zufolge ein Problem: Auf 100.000 Menschen kämen geschätzt etwa zwei Psychiater, was weit unter dem globalen Durchschnitt liege.

Abhängigkeit und schädliche Reaktionen gehören zu den Risiken

Allerdings bestehe die Gefahr einer übermäßigen Abhängigkeit von der Technologie, geben die Autoren zu bedenken. KI-Systeme hätten keine echte Empathie und emotionale Intelligenz, sie könnten teils schädliches Feedback liefern und die psychische Gesundheit Ratsuchender sogar noch verschlechtern.

Schon jetzt haben viele junge Chinesen ein besonders inniges Verhältnis zu Künstlicher Intelligenz: In sozialen Medien des Landes teilen Menschen zum Beispiel Anleitungen dafür, DeepSeek mit Texteingaben so anzuleiten, dass man mit der KI danach wie mit einem perfekten Date oder Traum-Freund kommunizieren kann.

Grundlegender Wandel in der psychologischen Betreuung?

KI sei als ergänzendes Werkzeug und nicht als Ersatz für menschliche Therapeuten zu sehen, betonen Woo und Tang. Die Krise junger Chinesen erfordere dringendes Handeln, KI-Tools wie DeepSeek böten da einen Hoffnungsschimmer und stellten einen grundlegenden Wandel in der psychologischen Betreuung dar. Für eine sichere Nutzung sei aber eine verantwortungsvolle und moralisch fundierte Umsetzung nötig.

"Hier geht es nicht nur um Technologie, sondern um Menschen", mahnte Woo. "Es geht darum, die Kluft zwischen Bedarf und Zugang zu überbrücken, durch KI Hoffnung und Heilung zu bieten und gleichzeitig sicherzustellen, dass ihre Umsetzung von Sorgfalt und Verantwortung geleitet wird." So eingesetzt könne KI einen tiefgreifenden Wandel beim Zugang zu emotionaler Unterstützung bewirken.

KI-Therapie auch in Deutschland?

In Deutschland stecke die Entwicklung von digitalen Gesundheitsanwendungen, die hinsichtlich Wirkung und Sicherheit validiert und evidenzbasiert sind, für Kinder- und Jugendliche noch in den Kinderschuhen, sagte Andrea Reiter, Professorin für Psychotherapie und Interventionspsychologie an der Universität Würzburg. Einen KI-Therapeuten für Jugendliche auf Rezept gebe es derzeit nicht.

Reiter verweist auf ethische Probleme bei der Nutzung kommerzieller KI-Angebote. Dazu zählen emotionale Manipulation, der Aufbau einer parasozialen Beziehung, unangemessene Inhalte und Falschinformationen. Eine ethisch sensibilisierte KI habe für die Behandlung psychischer Erkrankungen künftig aber durchaus Chancen, auch wegen der Versorgungslücke in der Kinder- und Jugendlichentherapie, erklärte Reiter. Bei leichteren psychischen Problemen könne KI hilfreiche Informationen geben.

Auch Therapeuten könnten KI nutzen, etwa, um klinische Daten auszuwerten, schreiben Woo und Tang. Die Beurteilung und Erfahrung eines ausgebildeten Profis könnten sie vor allem in komplexen und hochriskanten Szenarien aber nicht ersetzen. Denn viele aus dem Alltag bekannte Nachteile sind auch hier ein Problem: Wie die Modelle zu ihren Antworten kommen, ist nicht transparent nachvollziehbar. Stereotype, taktlose oder falsche Antworten sind möglich. Zudem verstehen die Sprachmodelle Ironie und Sarkasmus schlecht, auch das kann zu Fehleinschätzungen führen.

China erprobt KI in Schulen

Peking forciert KI-Nutzung schon lange. Die Modelle unterliegen allerdings der Zensur und geben auf politisch sensible Fragen oft keine Antwort. Chinas Regierung weiß um den psychischen Druck auf junge Menschen. Das Bildungsministerium kündigte Hilfe an, auch unter Nutzung Künstlicher Intelligenz. Mitte Januar berichtete die staatliche "Volkszeitung" über eine Pekinger Mittelschule, die Pulsmessgeräte einsetzt, um die Daten anschließend mit KI auszuwerten und den Zustand der Schüler zu analysieren. So soll erkannt werden, ob einzelne Kinder auffällig gestresst sind./jon/DP/zb



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