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15.01.2026 14:45

Wikipedia mit 25 unter Druck durch KI-Konkurrenz

Online-Lexikon

San Francisco/Berlin (dpa) - Wikipedia wird 25 Jahre alt. Am 15. Januar 2001 ging das Onlinelexikon unter ins Netz. Die beiden Gründer Jimmy Wales und Larry Sanger wollten ihre von professionellen Autoren verfasste Online-Enzyklopädie Nupedia eigentlich nur durch ein Mitmachprojekt ergänzen. Doch während das Profi-Projekt kaum von der Stelle kam und 2003 eingestellt wurde, wuchs Wikipedia rasant und wurde schnell zu einer der beliebtesten Seiten des World Wide Web.

250.000 Freiwillige

25 Jahre nach der Gründung blicken die Wikipedianer auf eine beeindruckende Bilanz: In einem Vierteljahrhundert ist die größte freie Wissenssammlung der Geschichte entstanden, die eine große Reichweite erzielt. Wikipedia verzeichnet derzeit rund 15 Milliarden Seitenaufrufe im Monat, fast 250.000 aktive Freiwillige und über 65 Millionen Artikel in mehr als 300 Sprachen. 

Die deutschsprachige Wikipedia fing am 16. März 2001 an, gut drei Monate nach dem ersten Wikipedia-Projekt in den USA. Über drei Millionen Artikel finden hier inzwischen ein riesiges Publikum. Allein im vergangenen Dezember verzeichnete das deutschsprachige Angebot 750 Millionen Seitenaufrufe. Damit liegt Wikipedia unter den Top fünf der beliebtesten Webseiten in Deutschland.

Gut recherchierte Informationen - mit Quellen

«Es ist eine riesengroße Errungenschaft, dass es uns gelungen ist, in ganz vielen Teilen der Welt den Menschen einen Zugang zu Wissen zu ermöglichen, die den anders nicht hätten», sagt Franziska Heine, geschäftsführende Vorständin von Wikimedia Deutschland. Die Menschen könnten «auf wirklich gut recherchierte, mit Quellen belegte Informationen zurückgreifen und dadurch selbst viele Fragen in ihrem Leben beantworten, die sie anders nicht beantworten könnten».

Die Erfolge können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Projekt vor großen Schwierigkeiten steht, und in manchen Weltregionen auch bedroht wird. Es häufen sich nicht nur in den USA die politischen Angriffe. Die großen Technologiekonzerne setzen das Online-Lexikon ökonomisch unter Druck. Zudem fällt es Wikipedia immer schwerer, auch junge Autoren und vor allem Autorinnen zu finden.

Ist Wikipedia zu «woke»?

Wikipedia-Mitbegründer Wales sah sich unlängst dazu genötigt, die Online-Enzyklopädie gegen die Behauptung von Elon Musk zu verteidigen, sie habe eine linke politische Ausrichtung. «Wenn die Frage lautet, ob Wikipedia von linksradikalen Aktivisten übernommen wurde, lautet die Antwort: Nein», sagte Wales bei der Vorstellung seines Buchs «Trust» in Berlin. 

Musk, der für seine rechtspopulistischen Ansichten bekannt ist, hatte im vergangenen Jahr seine Alternative zu Wikipedia an den Start gebracht. Die Website mit dem Namen Grokipedia bietet ein ähnliches Design mit einer Suchmaske und Artikeln mit Quellenverweisen. Sie wurde bei seiner KI-Firma xAI entwickelt. 

Heine sagte, Grokipedia sei im Gegensatz zu Wikipedia nicht neutral, sondern stecke voller Vorurteile. Das könne man etwa an den Artikeln zum Sturm auf das Kapitol in Washington am 6. Januar 2021 oder dem angeblichen Genozid an der weißen Bevölkerung in Südafrika sehen.

Die Frage, ob die Wikipedia zu «woke» - im Sinne von übertrieben politisch engagiert - geworden sei, beantwortet die Führungsriege mit einem klaren Nein. Die Antwort auf die Frage, wie man mit den großen Tech-Konzernen wie Google, Microsoft, Apple, Meta und Amazon sowie KI-Spezialisten wie OpenAI oder Perplexity umgehen soll, fällt dagegen viel schwerer.

Beziehung zu Big Tech ist kompliziert

Wikipedia ist zum einen Rohstofflieferant und in manchen Fällen auch Kooperationspartner der großen Tech-Firmen. Quasi jedes relevante KI-Sprachmodell wie GPT von OpenAI oder Llama vom Facebook-Konzern Meta wurde mit Wikipedia-Inhalten trainiert. Diese sind nicht nur in über 300 Sprachen verfügbar, sondern sind frei lizenziert, gut strukturiert und qualitativ hochwertig.

In einem Blog-Eintrag der Wikimedia Stiftung zum 25. Jubiläum verweisen die Wikipedia-Macher mit Stolz darauf, dass das Online-Lexikon die KI-Chatbots mit Informationen füttere. Etlichen Wikipedianer stößt dagegen sauer auf, dass sie mit ihrer Freiwilligenarbeit dazu beitragen, dass kommerzielle KI-Firmen auf Kosten der Community ihre Modelle trainieren.

Geld aus dem Silicon Valley

Dazu kommt, dass sich die Tech-Konzerne in der Vergangenheit nicht als Spender für die Wikipedia und andere Wikimedia-Projekte hervorgetan haben. Deshalb drängt die Stiftung die Tech-Firmen dazu, das kommerzielle Produkt Wikimedia Enterprise zu buchen. Die Unternehmen erhalten auf diesem Weg saubere, schnelle und rechtssichere Zugänge zu Wikipedia-Daten. Bislang wurde nur Google als zahlender Großkunde für diese Enterprise-Lösung bekanntgemacht. Zum 25-jährigen Jubiläum wurde aber publik, dass künftig auch die Konzerne Microsoft, Meta und Amazon in die Kasse von Wikipedia einzahlen werden. Außerdem wurden mit kleineren KI-Anbietern Verträge abgeschlossen. Der KI-Riese OpenAI fehlt jedoch in der Kundenliste.

Die Wikimedia Stiftung kann das Geld gut gebrauchen. Die populären KI-Tools haben nämlich dazu beigetragen, dass die täglichen Visits auf Wikipedia zwischen 2022 und 2025 deutlich gesunken sind. Nach den Zahlen von Similarweb gingen die Zugriffe in diesem Zeitraum um knapp ein Viertel zurück. Damit bekommen auch weniger User die Spendenaufrufe von Wikipedia mit, was die Stiftung wiederum Geld kostet. 

An Relevanz verliert Wikipedia deswegen trotzdem nicht, weil die Inhalte weiterhin breit konsumiert werden, jedoch indirekt über die KI-Antworten oder KI-Zusammenfassungen, die auf anderen Plattformen zu sehen sind.

KI darf keine Wikipedia-Artikel schreiben

Einem Einsatz Künstlicher Intelligenz beim Schreiben oder Redigieren von Wikipedia-Artikeln oder anderen Wikimedia-Inhalten steht die Wikipedia-Community sehr zurückhaltend gegenüber. Ende April 2025 legte die Stiftung fest, dass KI auf keinen Fall das von Menschen kuratierte Wissen von Wikipedia ersetzen werde. KI-Tools dürften nur für Hilfsaufgaben eingesetzt werden, etwa dem Aufspüren von Vandalismus in Wikipedia-Artikeln.

«Wissen ist menschlich, Wissen wird von Menschen miteinander erarbeitet», sagt die deutsche Wikimedia-Chefin Franziska Heine. Bei einer generativen KI (wie ChatGPT) kämen immer nur Wahrscheinlichkeiten raus. «Das greift immer nur auf das zu, was schon bekannt ist und vermischt es im schlimmsten Fall mit Dingen, die überhaupt nicht stimmen oder die nicht dazu passen.»



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