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08.12.2022 15:12

Stunden der Anklage zum Start des Wirecard-Prozesses

Justiz

München (dpa) - Zweieinhalb Jahre nach der Milliardenpleite des Wirecard-Konzerns hat der Strafprozess um den mutmaßlich größten Betrugsfall in Deutschland seit 1945 begonnen. Vor dem Landgericht München I eröffnete der Vorsitzende Richter Markus Födisch am Donnerstag die Verhandlung gegen den früheren Vorstandschef Markus Braun und seine zwei Mitangeklagten.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem seit zweieinhalb Jahren in Untersuchungshaft sitzenden Braun vor, mit seinen Komplizen im Vorstand, weiteren Managern des mittlerweile abgewickelten Dax-Konzerns und externen Geschäftspartnern eine Betrügerbande gebildet, Bilanzen gefälscht und die Kreditgeber um 3,1 Milliarden Euro geprellt zu haben - das wäre der höchste Betrugsschaden in Deutschland seit 1945.

Laut Anklage waren die Hälfte der Umsätze und über 90 Prozent des Vorsteuergewinns erfunden. Noch nie war die Chefetage eines ehemaligen Dax-Konzerns beschuldigt, als kriminelle Bande agiert zu haben. Die vierte Strafkammer des Landgerichts München I hat in dem unterirdischen Verhandlungssaal neben der JVA Stadelheim über 100 Verhandlungstage angesetzt.

Mit Braun angeklagt sind der ehemalige Chefbuchhalter des Konzerns sowie Oliver Bellenhaus, ehemals Leiter der Wirecard-Tochtergesellschaft in Dubai.

Bande noch viel größer?

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die «zu einem nicht genau bestimmbaren Zeitpunkt vor dem Jahr 2015» gegründete Bande wesentlich größer war: Beteiligt waren laut Anklage ein 2017 ausgeschiedener früherer Finanzvorstand, der untergetauchte Vertriebsvorstand Jan Marsalek sowie weitere Mittäter in In- und Ausland. Nicht eingeweiht waren demnach zwei Vorstände, die 2018 in die Konzernspitze rückten.

Die Hauptfrage ist: War Braun Betrüger oder Betrogener? Aussage wird hier gegen Aussage stehen: Der Ex-Vorstandschef sieht sich als Opfer, seinerseits geprellt von Kriminellen im Unternehmen. Widerpart Brauns und Kronzeuge ist der frühere Dubai-Geschäftsführer Bellenhaus.

Zur Eröffnung des Verfahrens bestätigte der 53 Jahre alte Braun lediglich seine Personalien. «Absolut richtig», antwortete der österreichische Manager auf die Frage, ob er in Bayerns größtem Gefängnis untergebracht sei. Zu den Vorwürfen aussagen soll Braun kommende Woche. Im Gerichtssaal erschien er etwas abgemagert, aber keineswegs verhärmt, gekleidet wie einst bei öffentlichen Auftritten in Jackett und schwarzem Rollkragenpulli.

Umsätze in Milliardenhöhe verbucht

Über das Tochterunternehmen Cardsystems Middle East in Dubai verbuchte Wirecard laut Anklage erfundene «Drittpartner»-Umsätze in Milliardenhöhe. Diese Drittpartner waren Firmen, die im Wirecard-Auftrag Zahlungen abwickelten. Vor der Pleite im Sommer 2020 hatte das Unternehmen mutmaßliche Scheinbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt, das Geld wird bis heute vermisst.

Kronzeuge Bellenhaus will in vollem Umfang kooperieren: «Er wird seine Schuld eingestehen», sagte vor Verhandlungsbeginn Florian Eder, einer von Bellenhaus' Verteidigern. Im Gegenzug erhoffen sich die Verteidiger die Entlassung aus der Untersuchungshaft und im Urteil einen «sehr deutlichen Strafnachlass» für ihren Mandanten.

Braun hatte seinen ehemaligen Untergebenen bereits vor Prozessbeginn krimineller Machenschaften beschuldigt. Nach Brauns Darstellung existierten die seit 2020 vermissten Milliarden, wurden aber unter Beteiligung Bellenhaus' veruntreut. «Wenn derartige Angriffe kommen, sind das schlichtweg Nebelkerzen», sagte Bellenhaus' Anwalt dazu.

Ohne die angeblichen Erlöse des Drittpartnergeschäfts sei Wirecard defizitär gewesen, sagte Staatsanwalt Matthias Bühring bei der mehrstündigen Verlesung des 89-seitigen Anklagesatzes. Die Milliardenkredite waren laut Anklage notwendig, «um den Kollaps des Unternehmens zu verhindern».

Jahrelang riesige Umsatzsteigerungen gemeldet

Wirecard wickelte als Zahlungsdienstleister an der Schnittstelle zwischen Kreditkartenfirmen und Banken sowie Einzelhändlern und sonstigen Verkäufern gegen Gebühr elektronische Zahlungen ab. Das Unternehmen meldete jahrelang rasant steigende Umsätze und stieg 2018 an der Frankfurter Börse in den Dax auf. Braun wurde als größter Aktionär Milliardär.

Im Sommer 2020 brach der Konzern zusammen und meldete Insolvenz an. Die britische «Financial Times» war zuvor in jahrelanger Recherche den mutmaßlichen Manipulationen auf die Spur gekommen. Zweifel an den Wirecard-Bilanzen hatte Braun bis ganz kurz vor dem Kollaps in Bausch und Bogen zurückgewiesen. Im Prozess wird der Ex-Vorstandschef sich auf bohrende Fragen zu seiner Opferrolle einstellen müssen.

So las Staatsanwalt Bühring eine E-Mail des früheren Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann an Braun vom 21. April 2020 vor. Der Kontrolleur forderte kategorisch die Veröffentlichung einer Ad-hoc-Mitteilung, dass eine Sonderprüfung schwere Mängel zu Tage gefördert hatte, dass die Nachweise für das Drittpartnergeschäft fehlten. Doch Braun tat das Gegenteil: Er ließ die Finanzwelt wissen, es gebe keinen Nachweis für Bilanzmanipulation.

Das Urteil ist nach derzeitigem Stand Anfang 2024 zu erwarten.



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