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15.08.2022 11:56

Athletenverein fordert Debatte um Geld und Werte

Sportpolitik

Berlin (dpa) - Mehr Geld, mehr Medaillen: Diese Rechnung geht im deutschen Spitzensport schon lange nicht mehr auf. Die Akzeptanz für die Millionenförderung des Leistungssports schwindet, der Unmut in Politik, Verbänden und Öffentlichkeit steigt.

«Im System entsteht Frust, der alle bedrückt. Und es wächst der Druck, den am Ende wir schultern. Wir wollen, dass sich das ändert», heißt es in einer Analyse, die Athleten Deutschland vorstellte.

Ziele des Spitzensports

Die Vereinigung fordert eine Grundsatzdebatte über die gesellschaftlichen Ziele des Spitzensports. Die Frage nach Sinn und Zweck von Fördermitteln abseits der Medaillenausbeute sei seit Jahrzehnten «der Elefant im Raum», stellten die Athletenvertreter fest. «Den Wert sportlicher Höchstleistungen, wie aktuell nur an Medaillenerfolgen zu messen, greift zu kurz», kritisierte Karla Borger, Präsidentin von Athleten Deutschland.

Vielmehr sollte geprüft werden, inwiefern positive Auswirkungen des Spitzensports auf die Gesellschaft bei der Förderung berücksichtigt werden könnten. «Unsere Forderung ist keine Absage an das Bekenntnis zu sportlicher Höchstleistung. Es ist vielmehr eine Ansage zur Stärkung des Spitzensports der Zukunft», betonte sie.

Mehr Druck, weniger Medaillen

Die Sportförderung des Bundes ist in den vergangenen Jahren immer mehr unter Rechtfertigungsdruck geraten. Trotz immenser Steigerung der Bundesmittel hat der sportliche Erfolg und die Medaillenausbeute Deutschlands im Weltsport abgenommen. Daran konnte die 2016 eingeleitete Leistungssportreform bislang nichts ändern. Bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio gab es so wenig Medaillen wie noch nie seit der Wiedervereinigung, bei den Winterspielen 2022 in Peking war die Bilanz von Stagnation geprägt.

Zuletzt erlebten die Leichtathleten bei der WM in Eugene ein Zwei-Medaillen-Fiasko. Topsprinterin Gina Lückenkemper hatte danach die Kritik zurückgewiesen und gesagt, dass sich deutsche Athleten «den Arsch aufreißen müssen, um gegen diese Vollprofis antreten zu können». Für Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth ist das wiederum «populistischer Unfug», wie sie dem «Tagesspiegel» sagte.

Die Förderung sieht die 66-Jährige nicht als zu gering an. «Ich weiß nicht, was da einen Sportler noch hindern soll, genauso wie ein sogenannter "Vollprofi" zwei Trainingseinheiten am Tag zu absolvieren und vielleicht noch eine Physiotherapieeinheit», sagte sie.

Diese Diskussion um Geld und Medaillen wiederhole sich alle paar Jahre, sagte Maximilian Klein, Mitautor der Athleten-Analyse. Mitteleinsatz und die Ausbeute bei internationalen Wettbewerben nebeneinander zu stellen, könne diese Diskussion in dieser vereinfachten Form aber nicht zufriedenstellend auflösen.

In Deutschland richtete sich die Förderung an internationalen Erfolgspotenzialen und nicht am Potenzial zur Gemeinwohlsteigerung aus. «Beide Ziele können einander bedingen und aufeinander einzahlen, sie gehen aber nicht automatisch miteinander einher», erklärte Klein.

Gemeinwohl stärken

Neue Kriterien, die neben sportlichem Erfolg auch gesellschaftlichen Nutzen erfassen, würden die Förderung ganzheitlicher machen, meinte auch Johannes Herber, Geschäftsführer von Athleten Deutschland. «Weil andere Nationen auch massiv in Spitzensport investieren, manche Athleten dopen oder ohne Rücksicht auf Verluste gedrillt werden, ist es schwierig, in manchen Disziplinen noch mitzuhalten», erklärte er. Daher müssten individuelle Leistungssteigerungen und Gemeinwohlpotenziale stärker berücksichtigt werden.

Deshalb schlägt Athleten Deutschland eine neue gesellschaftliche Verständigung zu den Zielen des staatliche geförderten Spitzensports vor. «Am Ende dieses Prozesses könnte ein neuer Gesellschaftsvertrag - gar ein Sportfördergesetz - für den Spitzensport stehen», hieß es.

«Der Zeitpunkt ist günstig, weil die Bundesregierung sich im Koalitionsvertrag zu einer Strukturreform bekennt und bis Ende des Jahres ein Zukunftsplan zur Sportförderung vorlegen will», sagte Klein. Auch im Deutschen Olympischen Sportbund und in den Spitzenverbänden sei die Bereitschaft zur Veränderung zu erkennen. «Es ist im ureigenen Interesse der Verbände, diese Diskussion zu führen», sagte Klein.



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